Zugegeben, diesen Test habe ich vor Jahren schon einmal gesehen. Fakt ist aber auch, dass sich seitdem eine Menge in der Kamera- und Editingtechnik getan hat und die Vorzeichen heute nun ein bisschen anders stehen. Deshalb wollte ich mir selbst ein Bild der aktuellen Lage machen und auch für mich selbst die Entscheidung treffen: Für welche Option würde ich mich entscheiden, wenn mich jemand vor die Wahl stellen würde? Doch werfen wir mal einen Blick auf unsere beiden Kandidaten.
Kandidat 1: EOS 550D & Canon 300mm f/2.8 L
The Worse: Der einzige Grund, warum die Canon EOS 550D noch immer einen Platz in meiner Vitrine findet, ist der Fakt, dass sie meine erste Spiegelreflexkamera war und ich damit meine Freude an der Fotografie gefunden habe. Technisch ist sie längst überholt. Die ISO-Werte weisen ab 800 ein starkes Rauschen auf und sind ab 2000 wirklich extrem. Der Prozessor ist langsam, der Autofokus ab und zu eigenwillig und die Akkulaufzeit auch so naja.
The Good: Das Canon 300mm f/2.8 L ist das schärfste Objektiv in meiner Sammlung. Es ist gut gerechnet, vermeidet Bildfehler und hat einen superschnellen Autofokus. Natürlich ist es mit 2,5 Kilo doch ein ziemlicher Brocken, was in diesem Test aber mal außen vor gelassen wird.
Kandidat 2: Canon EOS R6 Mk III & Canon 28-105mm 1:3.5-4.5
The Good: Die Canon EOS R6 ist die beste Preis-Leistungs-Kamera, die Canon im Vollformatsegment zu bieten hat. Sie hat einen eingebauten 5-Achsen-Bildstabilisator, einen Sensor, der auch bei ISO 12.800 noch passable Ergebnisse liefert, einen zuverlässigen Motiverkennungsautofokus und mehr als genug Serienbilder.
The Worse: Das Canon 28-135mm ist ein Push-and-Pull-Objektiv. Man dreht es nicht, um zu zoomen, man schiebt es nach vorne und zurück. Es war eines der ersten Objektive, die Canon mit dem EF-Mount auf den Markt gebracht hat, und wurde im März 1987 released. Es gilt nicht gerade als Schärfeikone und hat durch die Push-and-Pull-Technik meistens jede Menge Staubeinschlüsse.

Die Vorzeichen:
Lange galt das Gesetz: Was vor deiner Kamera ist, ist das Wichtige. Also in dem Fall ist das Objektiv gemeint – nicht das Motiv. Doch durch den bedingungslos überlegenen Autofokus der spiegellosen Kameras und deren massiven Output an Serienbildern macht es doch um einiges einfacher, den vermeintlich perfekten Shot dabei zu haben. Da sind die alten Bodys doch definitiv im Nachteil.
Das wohl mächtigste Tool im Editing, das Entrauschen-Tool, levelt die Vorzeichen an einer anderen Stelle. So kann man mit der alten Kamera auch mit ISO-Werten shooten, die früher undenkbar gewesen wären. Auf der anderen Seite gilt dies aber auch für die lichtschwachen Objektive, die unter Umständen auch erst abgeblendet richtig scharf werden. Hier kann man mit den neuen Bodys auch aus superhohen ISO-Werten noch passable Resultate zaubern.
Der Test:
Ich testete die Kameras in einem sehr ähnlichen Setting an zwei verschiedenen Tagen. So war ich bei zwei Konzerten für Volume.at auf den Grazer Kasematten und fotografierte einmal den Punkrocker Salo, einmal die Rocklegenden Nazareth.
Den Beginn machte die EOS R6. Hier überwog zu Beginn ein positives Gefühl. Das Push-and-Pull-Zoom ist durch die einfache Technik sofort spielend zu bedienen und benötigt nicht viel Zeit zum Einschießen. Doch schon bald bemerkte ich, dass der langsame Autofokus dann doch nicht immer hinterherkommt, sollte sich jemand auf der Bühne schnell bewegen – besonders wenn das Licht nicht perfekt ist. Ein rotierendes Filtergewinde hatte ich auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr an einem Objektiv. Das wurde aber auf jeden Fall noch vom AFD-Fokusmotor (Arc-Form Drive) übertroffen, der gefühlt lauter als die Band war.
Ansonsten arbeiten Objektiv und Kamera gut zusammen. Das Ergebnis waren interessante Fotos, die eine Spur Vintage-Charakter hatten. Sie waren nicht superscharf – auch dem hohen ISO geschuldet –, hatten keinen Top-Kontrast und besonders an harten Kanten rissen die Lichter immer wieder aus und sorgten für einen leichten Schleier. In diesem Fall passte der unperfekte, fast dirty Bildlook allerdings gut zu einer Punkband, was die Ergebnisse durchaus sehenswert machte.

Drei Tage später stand Runde 2 am Plan – unter anderen Vorzeichen. Denn die 300mm-Festbrennweite erforderte auch einen ganz anderen Platz, um die Classic-Rocker von Nazareth zu fotografieren. Auch das Einfotografieren ging nicht so easy von der Hand, da ich die alte EOS 550D schon seit Jahren nicht mehr in den Händen hatte. Ansonsten spielte sie aber sehr gut mit dem 300mm f/2.8 zusammen – zumindest wirkte es beim Shooten so.
Denn als ich beim Bearbeiten der Fotos war, bemerkte ich erst, dass der Fokus doch immer wieder knapp daneben war. Leider ist knapp daneben halt auch vorbei, weshalb viele Bilder, besonders wenn das Licht nicht perfekt war, nicht wirklich zu gebrauchen waren. Die Fotos, bei denen der Fokus saß, waren dafür knackscharf und hatten perfekten Kontrast. Auch die hohen ISO-Werte waren durch das Entrauschen in Lightroom überhaupt kein Problem. Leider waren die etwas in die Jahre gekommenen Rocker von Nazareth nicht mehr die agilsten auf der Bühne, weshalb die Bilder etwas statisch wirkten.

Fazit:
Beide Versuche brachten ansehnliche Bilder mit sich. Das heißt: Wenn euch einmal ein Teil spontan eingeht, muss man sich auch mit einem Backup keine allzu großen Sorgen machen. Zwar muss man beim billigen Objektiv auf Schärfe, Kontrast und schnellen Fokus verzichten und beim billigen Body auf genauen Fokus und Prozessiergeschwindigkeit – aber dennoch kann man am Ende des Tages mit guten Fotos nach Hause gehen.
Müsste ich mich für eine Variante entscheiden, würde ich nicht auf meinen modernen Body verzichten und mit dem billigen Objektiv arbeiten. Diese Variante war auf jeden Fall die angenehmere zu bedienen und viele Bildfehler lassen sich auch im Postprocessing beheben. Will man allerdings knackscharfe Bilder, würde wohl die Wahl auf den alten Body und das gute Objektiv fallen. Denn wenn das Licht und der Fokus passen, ist die Bildschärfe wie auf modernen Bodys.
Fotos mit von der EOS R6 mk iii & dem Canon 35-105 1:3.5-4.5:









Fotos mit der EOS 550D & 300mm f2.8 L












